stranger than paradise / Liquid loft

In den Arbeitsprozessen der Performancegruppe Liquid Loft wird über choreografische Problemstellungen grundsätzlich hinausgedacht: Musik ist – über Andreas Bergers konsequent unorthodoxe Kompositionstätigkeit – die entscheidende zweite Ebene, aber Philosophie, Architektur, bildende Kunst und insbesondere das Kino spielen in Geschichte und Gegenwart der international akklamierten Truppe ebenfalls wesentliche Rollen. Es ist kein Zufall, dass Liquid-Loft-Mastermind Chris Haring den Produktionen, die er mit seinem Team erarbeitet, gern Filmklassiker als erste Inspirationsvorschläge zugrunde legt, ohne dabei allerdings ästhetische Nachbildungen oder Reenactments im Sinn zu haben; man erkennt diese Ausgangspunkte nicht mit freiem Auge, es geht in der Verwendung dieser Quellen eher um Rhythmen, Denkmuster und Stimmungen. Gemeinsam mit der Filmemacherin Mara Mattuschka wurde bereits zwischen 2005 und 2014 eine ganze Reihe von Liquid-Loft-Arbeiten erstaunlich erfolgreich in den filmischen Raum gespiegelt.

Stranger Than Paradise, assoziativ vage verbunden mit Jim Jarmuschs gleichnamigem, winterlichem Eighties-Road-Movie, ist daher nicht einfach das Dokument einer Performance, die man unter dem Druck der Pandemie nicht für die Bühne, sondern für elektronisches Bewegtbild denken musste; es ist ein genuin film-choreografisch konzipiertes Werk: ein hybrides, subtil futuristisches Kammerspiel für acht Personen und eine investigative Kamera. Fast zögerlich nähert sich der Blick gleichsam „von außen“, aus einem imaginären Zuschauerraum, dem erratischen Treiben der PerformerInnen, entwickelt dabei bald eine Sogwirkung, die im Tanzfilmgenre selten ist.

Die konkav gestellten Spiegel sind ein Schlüssel zu diesem Werk, die verfließenden Bilder, die sie produzieren, zielen auf Melancholie und Unheimlichkeit. Im sphinxischen Schillern der TänzerInnen ist die alte Utopie der Gleichberechtigung der Wesen versteckt. Stranger Than Paradise, in versunkene Stimmungen und trügerische Bilder gesetzt, ist eine Elegie, die den Übergang von einer Spezies in die nächste markiert, ist eine Reflexion der systematischen Erweiterung menschlicher Kapazitäten in das Mechanische, das Animalische, bisweilen auch das „Monströse“ einer gemischt tier-menschlichen Existenz hinein.

Die Auseinandersetzung mit dem humanimal aber wirft Fragen der Teilung und der Verdoppelung auf. Ist das Bild, das im Spiegel entsteht, eine Addition oder eine Division? Teilt er die Ansicht, die sich ihm bietet, oder doppelt er sie? Modifikation und Infektion liegen zudem nah beieinander: Wir sind Biomaschinen, elektronisch verbessert, aber biologisch gefährdet. Nur die Technologisierung, die Synthese von Fleisch und Mechanik kann uns retten: Die Illusion des Menschlichen, die in dessen perfekt nachgebauten Oberflächen steckt, täuscht über das Artifizielle der neuen Spezies hinweg. Wir werden uns an sie, also an uns gewöhnen.

Mit: Luke Baio, Stephanie Cumming, Dong Uk Kim, Katharina Meves, Dante Murillo, Anna Maria Nowak, Arttu Palmio, Hannah Timbrell

Regie, Choreografie: Chris Haring
Kamera, Schnitt: Michael Loizenbauer
Soundkonzept, Komposition: Andreas Berger
Licht Design: Thomas Jelinek
2. Kamera: Kurt van der Vloedt (Artvan)
Kostüme: Stefan Röhrle
Production Design: Liquid Loft
Theorie: Stefan Grissemann
Requisite, Stage Management: Roman Harrer
Internationale Public Relations: APROPIC – Line Rousseau, Marion Gauvent
Produktion: Marlies Pucher
Technisches Team Tanzquartier Wien / Halle E&G:
Stage Management: Krisha Piplits
Licht: Siggi Wiltsche
Sound: Reinhard Traußnig
Bühne: Chris Welsh

Arrangements von Andreas Berger, zusätzlich verwendete bzw. bearbeitete Musik: Penelope Trappes – The Hair Shirt, Eurythmics – Aqua. Eine Produktion von Liquid Loft in Kooperation mit dem Tanzquartier Wien. Liquid Loft wird gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien und vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport.

(c)2021, Liquid Loft

Tanz / Film

Ort: Raum 17
Termin: 8. Juli, 22.30 Uhr
Mehr Infos: https://liquidloft.at